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Thursday, June 10th 2010, 4:50pm

Odettes erste Gedanken zur Internetliteratur

Es war schon lange nach Mitternacht als Odette es endlich schaffte sich vom Computer loszureißen und den Deckel ihres Laptops zuklappte. Eigentlich hatte sie nur kurz ihre E-Mails lesen wollen und war dann von Link zu Link gesprungen, hatte sich auf Internetseiten fest gelesen, bis ihr vor Müdigkeit fast die Augen zufielen. Da war ihr erst aufgefallen, dass sie nun schon seit Stunden auf den kleinen Bildschirm starrte und sie keine der vielen Aufgaben erledigt hatte, die sie sich vorgenommen hatte. Schon nagte das schlechte Gewissen an ihr, aber die Freude über die vielen spannenden Literaturprojekte die sie im Netz gefunden hatte überwog.
Aufgeregt dachte sie darüber nach, wie man die Aussagen und Meinungen literaturwissenschaftlicher Theoretiker auf die Internetliteratur anwenden könnte.
Vor allem die vielen Möglichkeiten des kollaborativen Schreibens, die das Internet den Menschen eröffnete, faszinierten die junge Frau. Viele Konzepte dieser Mitschreibprojekten hatte sie noch nie vorher gesehen und im ersten Moment auch gar nicht verstanden, wie sie funktionierten. Der Gedanke, dass jeder im Internet zum Autor werden konnte, gefiel ihr. Es gab keine dazwischen geschaltete Instanz, die auswählte wessen Text veröffentlicht wurde, und welcher nicht. Jeder hatte die Chance auf eine Leserschaft. Auf ihrer Suche hatte Odette jedoch auch auf zahlreiche Links geklickt, die nicht mehr funktionierten oder sie ins Leere führten. Es war ihr sogar so oft passiert, dass sie an der Beständigkeit von Internetliteratur zweifelte. Vielleicht war eine wesentliche Eigenschaft der Internetliteratur sogar die, dass sie nur einen Moment lang interessant war und gelesen wurde, und nach wenigen Wochen gab es schon niemanden mehr, der ihr seine Aufmerksamkeit schenkte. Durch einen Serverausfall konnten zahlreiche kreative Texte für immer verloren gehen. War das nicht ein trauriger Gedanke? Oft genug hatte Odette das Gefühl gehabt, sie wäre die erste Person seit Monaten oder sogar Jahren die den Blick auf ein beendetes Schreibprojekt warf und die geschriebenen Beiträge las. War Internetliteratur aufgrund der Unüberschaubarkeit des World Wide Web dazu verurteilt höchstens von einer Handvoll Menschen gelesen zu werden? War ein ›erfolgreicher Internetautor‹ überhaupt denkbar? Und wie zeichnete sich ein erfolgreicher Internetautor aus?
Odette fragte sich, ob die Internetautoren ihre Texte wohl auch als Printmedium veröffentlichen würden, wenn man ihnen die Gelegenheit gäbe, oder ob sie die Anonymität des Internets vorzogen. Durfte man diese Menschen überhaupt ohne Einschränkung Autor nennen? Ohne Zweifel gab es genug Menschen, deren Texte nicht gerade von großer Qualität waren und denen es trotzdem Freude bereitete sie anderen Menschen zu zeigen. Entwertete es den Begriff des Autors, wenn man jeden Internetschreiber als Autor bezeichnete? Und was genau zeichnete einen ›Wreader‹ aus? Würde sich dieses Konzept, das den Leser praktisch dazu zwang selbst etwas zum Geschriebenen beizutragen funktionieren?
Es gab so viele Möglichkeiten die literarischen Texte intermedial zu gestalten, Links und Videos einzubauen. Odette hatte nicht viele Erfahrungen mit Internet und Technik gemacht, denn eigentlich war sie ein altmodischer Mensch, der das gedruckte Wort vorzog. Sie musste dringend einen ihrer Freunde fragen, welche Möglichkeiten zur Gestaltung es in diesem Bereich überhaupt gab.
Nicht zuletzt war jedoch auch die Frage nach dem Alter der Internetautoren interessant, denn Odette hatte bei ihrer Recherche durchaus den Eindruck gehabt, dass auch viele junge Menschen sich in kollaborativen Schreibprojekten einbrachten.

Wie in Trance hatte Odette sich die Zähne geputzt und ihren Pyjama angezogen, während ihre Gedanken noch immer um das Thema der Internetliteratur kreisten. Allein würde sie bestimmt niemals Licht ins Dunkel bringen. Gleich morgen musste sie einige Freunde und Kollegen bitten sich mit ihr zu treffen um gemeinsam darüber zu sprechen. So aufgeregt wie sie nun war, würde sie gewiss eine schlaflose Nacht vor sich haben, davon war sie überzeugt. Aber kaum hatte sie das Licht ihrer Nachttischlampe ausgeknipst, war sie auch schon eingeschlafen.
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