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Monday, June 28th 2010, 5:41pm

Ein Nachmittag bei Odette

Odette hat zahlreiche Freunde zu sich eingeladen um gemeinsam mit ihnen über das Phänomen "Internetliteratur" zu diskutieren.
Als Gäste haben sich schon Avvocata di Avogli, Donna d'Omina, Emilia Maevadottir und Niklas Luhmann eingefunden. Gerne dürfen jedoch weitere Gäste im Laufe der Szene hinzukommen. (Schließlich kommt jeder mal zu einer Verabredung zu spät. ;) )


WICHTIG:
Da unsere Szene eine Diskussion beschreiben soll, haben wir uns entschieden keine strenge Postingreihenfolge zu bestimmen. D.h. jeder postet wann und wie oft er will, womit der Diskussionscharakter noch etwas erhalten bleibt und gleichzeitig auch niemand durch den Urlaub bzw. die "Unlust" eines anderen gebremst wird.
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Monday, June 28th 2010, 6:20pm

„Um fünf Uhr werden wir dann eine Pause machen und die Häppchen essen, Agnes. Bis dahin müssen sie also fertig sein. Du meine Güte! Was ist das?!“ – „Ein Radieschen“ – „Achso, ich dachte schon…“
Was sie sich genau gedacht hatte wusste Odette selbst nicht. Genau gesagt war sie viel zu nervös um denken. Sie hatte zahlreiche Gäste zu sich nach Hause eingeladen um gemeinsam mit ihnen die vielen Fragen zu beantworten, die ihr bei ihrer ersten nächtlichen Begegnung vor einigen Tagen eingefallen waren. Diese Gäste saßen nun schon erwartungsvoll an ihrem großen Tisch im Wohnzimmer und warteten darauf, dass ihre Gastgeberin zu ihnen zurück kehrte um die Veranstaltung endlich beginnen zu lassen. Zuerst hatte Odette jedoch noch mit ihrer Haushaltshilfe Agnes abklären müssen, zu welchem Zeitpunkt das Essen bereit stehen würde. Es gab nichts Schlimmeres als mit leerem Magen einen komplizierten Sachverhalt diskutieren zu müssen und so hatte Odette für das leibliche Wohl ihrer Freunde Vorbereitungen getroffen. Nun war jedoch alles Organisatorische geklärt und es blieb Odette nichts anders übrig als in das Wohnzimmer zu gehen.
Sie war nervös als sie ihre Kollegin so erwartungsvoll am Tisch sitzen sah und hoffte inständig, dass sie sich selbst gut genug vorbereitet hatte um den Anforderungen, die die anderen an sie stellen könnten, gerecht zu werden. Wie immer, wenn ihre Nerven flatterten, waren ihre Hände schwitzig und sie war froh und dankbar, dass sie ihnen schon an der Tür die Hand geschüttelt hatte und es somit jetzt nicht mehr notwendig war. Trotz aller mulmigen Gefühle war sie jedoch unendlich glücklich nun endlich Antworten zu bekommen. Ihre dunklen Augen leuchteten und ihre Wangen glühten, wie bei einem Kind das nur darauf wartet die Geschenke unterm Christbaum auszupacken. Sie setzte sich zu den anderen an den Tisch und als die Privatgespräche verstummt waren, begann sie mir ihrer Begrüßung.
„Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich wirklich außerordentlich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid und offensichtlich ein ebenso großes Interesse Literatur im Internet habt wie ich! Im Vorfeld habe ich mir schon einige Gedanken gemacht und mir Fragen gestellt die ich im Laufe des Tages gerne mit euch beantworten würde. Ich weiß gar nicht wo ich beginnen soll…“ Sie lachte nervös und versuchte das Durcheinander in ihrem Kopf zu sortieren. Es war schwer den Startpunkt einer Diskussion zu bestimmen, wenn man tausend Fragen hatte.
„Wie wäre es, wenn wir uns als erstes dem Begriff des Autors bzw. der Autorin zuwenden?“, schlug sie schließlich vor. „Ich finde es sehr gut, dass im Internet jeder die Möglichkeit hat sich selbst darzustellen und eigene Texte publizieren kann, allerdings habe ich mich gefragt ob es den Begriff des „Autor“ bzw. der „Autorin“ entwertet, wenn sich eigentlich jeder nach ein paar Klicks „Autor“ oder „Autorin“ nennen kann. Man kann schließlich nicht übersehen, dass die Qualität der Internetliteratur oft zu wünschen übrig lässt. Und dann gibt es ja auch noch diesen neumodischen Begriff des „Wreaders“. Wird sich ein Konzept, das die Menschen praktisch dazu zwingt etwas zu produzieren, überhaupt durchsetzen? Ich denke, ich habe jetzt genug geredet und bin gespannt auf eure Gedanken“
Odette lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und lächelte zufrieden.Dabei ließ sie ihren Blick über die Köpfe ihrer Gäste wandern: Donna D’Omina war gekommen, wie immer hatte sie sich mit allerlei Gold behängt. Odette konnte sich nur glücklich schätzen, dass sie ihre beiden geliebten Tiger zuhause gelassen hatte. Allein der Gedanke an die riesigen Katzen in ihrem Wohnzimmer jagte Odette einen kalten Schauer über den Rücken. Wahrscheinlich hätten sie auch noch ihre Krallen an ihrem geliebten Sofa gewetzt. Nicht auszudenken! Auch Avvocata war hier, deren spitze Zunge jedem bekannt war. Sie liebte es Argumentationsprozesse zu beobachten und zu hinterfragen. Vor Niklas Luhmann hatte Odette einen großen Respekt, was wohl vor allem an seinem hohen Alter lag. Und schließlich war da noch Emilia Maevadottir, die ihr schon erzählt hatte, dass sie sich mit im Internet nicht besonders gut zurechtfand, aber deren Meinung bestimmt ebenso wertvoll war wie die der anderen.
Wer von ihnen würde wohl als erster das Wort ergreifen?
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Thursday, July 8th 2010, 7:40pm

Donnas Augen folgten wie gebannt den Bewegungen des immer weiter fortlaufenden, goldenen Zeigers ihrer alten Taschenuhr, obwohl sie schon vor einer Weile aufgehört hatte, die einzelnen Umrundungen des Ziffernblattes zu zählen. Ursprünglich war es als eine Art Aufwärmübung in Sachen Konzentration gedacht, um in der späteren Diskussion in Bestform zu sein, doch mittlerweile diente es nur mehr als Ablenkung und zur Überbrückung dieser für sie unsäglichen Wartezeit, der sie sich bereits 10 Minuten ausgesetzt sah. Donna war kein sehr geduldiger Mensch, eigentlich ganz das Gegenteil, und ihre Laune an diesem Tag war ohnehin noch zusätzlich durch die Abwesenheit ihrer Kätzchen getrübt. Natürlich war sie sich darüber im Klaren, dass deren Anwesenheit für die Gastgeberin eine Unzumutbarkeit dargestellt hätte und es so sicher das Beste war, schließlich war nicht jedes Haus „Tiger-geprüft“. Wenn sie sich in diesem Zimmer so umsah, konnte sie Odettes erleichterten Gesichtsausdruck, als sie sie an der Tür begrüßte, durchaus verstehen.
Apropos Odette: Die Hausherrin schien seit Donnas Ankunft durch Abwesenheit zu glänzen. Donna hoffte nur, dass keine Probleme aufgetreten sind.
Alle anderen Gäste, soweit sie dies beurteilen konnte, hatten sich zu diesem Zeitpunkt auch bereits am Tisch niedergelassen und warteten auf den Beginn des Gesprächs. Donna erblickte bekannte Gesichter, war aber auch einigermaßen über die Anwesenheit von Emilia Maevadottir erstaunt, konnte sie sich doch noch dunkel daran erinnern, dass Emilia bisher nur eher wenig mit Internet zu tun hatte. Auf jeden Fall versprachen ihre Ansichten und Meinungen interessante Einblicke in das heutige Thema zu liefern, dessen war sich Donna sicher.
Das Rücken eines Stuhles veranlasste Donna von ihrer Uhr aufzusehen und ihre Gedanken gehen zu lassen. Die Gastgeberin hatte sich endlich doch noch zur Runde gesellt und mit einem strahlenden Gesicht eröffnete Odette die Gesprächsrunde mit einer herzlichen Begrüßung.
Neugier, aber auch ein wenig Furcht vor dem Kommenden machten sich in Donna breit. Welche Frage würde Odette als Einstieg in den Raum werfen? Würde Donna etwas darauf antworten oder beifügen können? Sie schüttelte leicht ihren Kopf, ihr goldener Kopfschmuck klimperte dabei leise. Solch dramaturgische Pausen waren wirklich nicht ihr Ding, sie boten zu viel Zeit und Anlass, über irgendwelche Möglichkeitsszenarien zu grübeln.
„Wie wäre es, wenn wir uns als erstes dem Begriff des Autors bzw. der Autorin zuwenden?“, hörte ich Odette schließlich Odettes Stimme in den Raum schallen. Ein durchaus interessanter Einstiegsgedanke, schließlich sollte das Thema ja „Internetliteratur“ sein. Donna konnte zwar mit dem Ausdruck Wreader im Moment nicht viel anfangen, doch fand sie die Frage nach der Entwertung der Autorschaft recht spannend, wenn auch schwer lösbar. Dennoch entschloss sie sich, einfach einmal ihre Gedanken dazu zu äußern.
„Ich halte es grundsätzlich für schwierig zu bewerten, wer oder was ein Autor ist“, begann Donna, „das gilt jetzt allerdings nicht ausschließlich nur für Internetliteratur, sondern ganz im Allgemeinen. Denn um eine klare Antwort darauf zu bekommen, müssen meiner Ansicht nach erst andere, unklarere Begrifflichkeiten geklärt werden, z.B. die Begriffe „Werk“ und „Qualität“. Um Qualität zu beurteilen, benötigt es gewisser Richtlinien, neutraler Richtlinien, an denen etwas, in diesem Fall ein Text, gemessen werden kann. Ein Text gilt jedoch als geistige Schöpfung eines Individuums. Wie soll eine geistige Schöpfung gemessen werden? Und selbst wenn dies gelingen sollte, stellt sich schließlich auch die Frage nach dem Werk. Welchen Grad an Qualität muss ein Text aufweisen, um als literarisches Werk anerkannt zu werden, und wer trifft die Entscheidung darüber? Wer ist die Autorität? Die Verlage, welche die Texte publizieren, die Öffentlichkeit, die sie kauft, die Verfasser selbst oder einfach jeder einzelne Mensch für sich?“
Donna holte tief Luft. Sie hatte es wieder getan, hatte sich wieder einmal in ihre Ausführungen hineingesteigert und am Ende mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Doch hielt sie es für wichtig, solch grundlegende Begriffe am Beginn zu klären, um spätere Missverständnisse zu vermeiden, auch wenn sie nicht davon ausging, dass diese Fragen heute hier endgültig beantwortet werden würden. Zumindest aber konnte auf diese Weise zumindest eine gemeinsame Basis für die Diskussion geschaffen werden, von der aus man sich Schritt für Schritt weiter hocharbeiten kann.
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4

Saturday, July 17th 2010, 1:41pm

Eine Welle der Dankbarkeit überflutete Odette als Donna sofort mit äußerst interessanten Anmerkungen in ihre Diskussion einstieg. Odettes Studium war noch nicht lange vorüber und sie konnte sich noch gut an zahlreiche Gelegenheiten erinnern als sie, an ein Referat anknüpfend, versuchte eine Diskussion mit ihren Kommilitonen in Gang zu setzen und trotz interessanter Fragestellungen und Thesen nur eisernem Schweigen begegnet war. Vermutlich lag es daran, dass sich niemand in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen wollte, oder alle nach der langen Zeit in der sie sich hatten konzentrieren müssen, erschöpft waren und keine Lust verspürten auch noch ihre Meinungen vertreten zu müssen. Aber ihre heutige Gesprächsrunde war ausgeruht und klein genug um sich wie unter Freunden zu fühlen. Dadurch sollte jeder ohne Scheu seine Ansichten kundtun können.
Als Gastgeberin hätte es sich wahrscheinlich gehört erst einmal ihre anderen Gäste zu Wort kommen zu lassen, aber Odette konnte sich ein weiteres Mal einfach nicht beherrschen. Ihre Zunge war wieder einmal schneller als ihr Anstand. Sie musste Donnas Fragen einfach kommentieren.

„Beim Begriff des „Autors“ bin ich geneigt ihn einfach mit dem Begriff „Urheber“ gleichzusetzen, völlig unabhängig von Qualitätsmerkmalen. Durch das Internet kommen wir als logische Folge dann zu der Situation, dass es eine unüberschaubare Anzahl von Autoren gibt. Aber meiner Meinung nach wird der Begriff dadurch nicht entwertet. Der Begriff des „Malers“ wird ja auch nicht entwertet, weil jeden Tag tausende von Menschen ihr eigenes Zimmer stümperhaft streichen. Autor zu sein heißt für mich nur, etwas geschrieben zu haben und das hat ein RPG-Spieler genauso wie ein renommierter Schriftsteller.
Deine anderen Fragen finde ich da schon viel schwieriger zu beantworten. Auch für mich ist Qualität kein völlig objektiver Begriff, denn es kommt immer auf den Standpunkt eines Einzelnen an, der ein Werk beurteilt. Andererseits schwirren in den unendlichen Weiten des Internets so viele Autoren herum, deren Texte nicht alle gut sind. Bei einem drei Zeilen Rollenspiel-Post, bleibt oft kein Zweifel darüber, dass dieser Text keinen literarischen Wert hat und somit auch keine Qualität.
Wichtig finde ich jedoch auch, uns darüber im Klaren zu sein, dass man an Literatur und vor allem kollaborativ geschriebener Literatur im Internet andere Maßstäbe und Qualitätsrichtlinien ansetzen muss, als an gedruckte Literatur. Im Unterschied zu einem Romanautor muss ein Rollenspiel-Autor die Fantasie eines anderen in das eigene Werk einbauen und darf noch dazu keinen langen Text schreiben, sondern muss immer wieder unterbrechen und auf eine Reaktion des Partners warten. Ein Roman-Autor muss im Gegensatz dazu einen Spannungsbogen aufbauen, der sich über das ganze Buch erstreckt und nicht nur über einen RPG-Post. Sowohl ein RPG-Post als auch ein Roman kann ein literarisches Werk sein, auch wenn die Qualitätsmerkmale verschieden sind.
Die Frage nach der Autorität, die die Texte beurteilt ist natürlich ebenso schwierig, allerdings glaube ich, dass man da keine Instanz einfach so benennen kann. Auch wenn es ein bisschen pathetisch klingt, so denke ich doch, dass ein literarisches Werk von sich aus eines ist oder eben nicht. Ich bin überzeugt, dass es viele herausragende Romane gibt, die nie jemand anderer gelesen hat als ihr Autor. Die Verlage tragen natürlich maßgeblich dazu bei, einen Roman bekannt und ihn der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, aber das hat auf die Qualität des Textes und darauf wie ihn die Leserschaft annimmt überhaupt keinen Einfluss. Oder sagen wir im Zeitalter der großen Werbeaktionen besser: kaum Einfluss auf die Rezeption. Literarischer Erfolg wird ja meist nur in Verkaufszahlen gemessen, die wir bei Internetliteratur nicht haben. Woher sollen wir also wissen wie viele Leser Fanfictions haben und ob diese Zahl nicht vielleicht sogar vergleichbar ist mit dem ein oder anderen Bestseller-Roman?
Wenn über die Qualität und die Literarizität eines Werkes jemand entscheidet der nicht zum Kreis der Leser und Autoren gehört, so könnte ein im Internet publizierter Text nie als literarisches Werk anerkannt werden.
Und dabei denke ich nicht nur an RPG-Schreiber, sondern auch an renommierte Autoren wie Elfriede Jelinek.
Aber da kommen wir auch schon wieder zu einem neuen Definitionsproblem: Ist etwas Internetliteratur, weil es ausschließlich im Internet publiziert wird, oder weil es ohne das Internet überhaupt nicht hätte entstehen können?“
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5

Wednesday, July 21st 2010, 8:56pm

Die Gesprächsrunde bei Odette hatte nun schon begonnen und Emilia genoss es sehr, endlich wieder mal bei Odette daheim zu sein und an dem gemütlichen, antiken Tisch zu sitzen. Sie freute sich auf diesen Nachmittag und während sie durch die Runde blickte, bemerkte Emilia bei Odette doch einen kleinen Hauch von Nervosität. Da bekam nämlich Odette immer leicht gerötete Wangen, wo sie doch sonst eher blaß wirkte. Allerdings musste ein Gesprächsnachmittag schon gut vorbereitet sein, und wie sie Odette kannte, hatte sie sicher wieder mit Hilfe von Agnes eine kulinarische Köstlichkeit vorbereitet. "Das riecht doch nach frischen Radieschen ", dachte sich Emilia. Doch genau konnte ihr sensibles Näschen das nicht herausfiltern, saß doch neben ihr Donna, die wie üblich, sich zuviel mit Parfum eingespritzt hatte. Typisch Donna! Sie liebte einfach das extravagante und fällt halt gerne auf. Doch im Grunde ist sie ein goldiger Mensch, im wahrsten Sinne des Wortes.
Emilia war sehr froh, wenn nicht geradezu erleichtert, dass Donnas Haustiger mit Abwesenheit glänzten. Ansonsten wäre dieser Nachmittag eine Qual für Emilia geworden, doch so war sie äußerst gespannt. Emilia wirkte heute, wie immer eigentlich sehr locker, ruhig und verfolgte das Gespräch mit höchstem Interesse. Obwohl Emilia sich erst seit kurzem mit dem Thema "Internetliteratur" beschäftigt, wollte sie unbedingt an dieser Gesprächsrunde teilnehmen und nahm sich auch ganz fest vor, aktiv mitzuarbeiten und sich bei Unklarheiten sofort zu melden.
Großen Respekt hatte sie vor Niklas Luhmann, ein alter, sehr weiser Mann. Avvocata di Avogli hingegen kannte sie jedoch noch zu wenig, doch das würde sich mit der Zeit ja ändern.
"Welche Frage wurde gerade gestellt?" ,fragte sich gerade Emilia. "Irgendwie geht mir das alles zu schnell, da hab ich ja jetzt schon keinen Überblick mehr. Ich wollte doch gerade eben noch was zum Thema Autor sagen!"
Plötzlich unterbrach Emilia die Runde und bemerkte:" Moment mal meine Freunde. Bevor wir uns der nächsten Frage stellen, möchte ich noch ein paar Kleinigkeiten anmerken. In letzter Zeit habe ich mir auch ein paar Gedanken zum Thema "Autor - Internetliteratur" gemacht und ich muss gestehen, es ist nicht so einfach eine klare Meinung darüber zu bilden. Also, ... ähm. wie soll ich denn das nun erklären?"
Emilia hatte nämlich manchmal Schwierigkeiten, etwas auf den Punkt zu bringen, da sie gerne in ihren Ausführungen ausschweift.
Sie fuhr fort:" Ein Autor ist laut Definition des Wörterbuches ein Verfasser eines Werkes der Literatur, Musik, Kunst, auch Fotografie oder Filmkunst. Dies besagt doch nun, dass jeder der ein Werk verfasst ein Autor ist, egal ob derjenige sein Werk nun anhand eines Buches publiziert oder eben im Internet. Oder?" Ein wenig Unsicherheit machte sich bei Emilia bemerkbar, doch tapfer erläuterte sie:" Allerdings habe ich persönlich ein Problem damit, dass sich dann jeder als Autor bezeichnen darf, auch wenn nur einige Zeilen im Internet veröffentlicht werden, die Qualität ist meistens nicht hervorragend. Ich empfinde vieles was im Internet veröffentlicht wird, nicht literarisch wertvoll, doch wie gesagt, das ist nur meine persönliche Meinung. Natürlich ist es von Vorteil, dass jeder die Möglichkeit hat seine eigenen Texte zu publizieren, allerdings entwertet es für mich den Begriff des Autors schon."
Irgendwie fühlte sich nun Emilia erleichtert, doch irgendetwas wollte sie doch noch wissen, aber was war dies bloß? Sie spielte wie so üblich mit ihren Haaren und plötzlich fiel es ihr wieder ein. Sie sagte:" Eine kurze Frage allerdings habe ich noch. Es wurde der Begriff Wreader erwähnt, allerdings kann ich mit diesem Wort nicht viel anfangen. Kann mir vielleicht jemand in kurzen Sätzen diesen Begriff Wreader erklären?"
Gespannt schaute sie in die Runde. Hoffentlich hatte sie sich mit dieser Frage nicht blamiert, das wäre nun schon peinlich. Emilia wartete weiter.
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6

Saturday, July 24th 2010, 6:42pm

Odette war nicht gerade der einfachste Diskussionsteilnehmer. Meist hatte sie schon vor dem Start der Gesprächsrunde eine sehr feste Meinung, von der sie sich nur schwer abbringen ließ, auch wenn andere versuchten sie mit Gegenargumenten zu überzeugen. Sie war ein Mensch der mit seiner Meinung nicht hinter den Berg hielt und beinahe zu jedem Thema etwas zu sagen hatte. Ihre Aussagen waren immer sehr direkt, aber sie gab sich Mühe die Ansichten ihrer Mitmenschen zu akzeptieren. Aus diesem Grund hatte sie auch kein Problem damit, dass ihr Emilia in ihrer Beurteilung des Begriffes „Autor“ widersprach. Allerdings wollte Odette ihre Begründung hören.
„Emilia, ich kann deine Bedenken absolut nachvollziehen“, begann sie. „aber mir stellt sich dann die Frage wie du Autorschaft definieren würdest. Wenn wir versuchen den „Autor“ als einen elitären Begriff zu etablieren, beziehungsweise auch so etwas wie ein Qualitätsmerkmal zu machen, so bleibt uns nichts anderes übrig als auch Richtlinien und Eigenschaften festzulegen die ein Schreiber oder sein Text erfüllen müssen, um als Autor zu gelten. Dann stellt sich ja auch die Frage wer beurteilen soll, ob ein Text Literatur und sein Verfasser ein Autor ist.
Wie bereits gesagt, ich weigere mich den Verlagen die Rolle der Richter zuzusprechen! Und was die Qualität betrifft: Ich kenne sehr viele Romane, teilweise sind auch Bestseller darunter, die meiner Meinung nach absolut keine Qualität haben und das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden. Da lobe ich mir die Internetliteratur! Da schadet es niemandem wenn auf irgendeiner Webseite ein grottenschlechter Text steht, den vermutlich eh niemand liest.“
So war Odette. Sie konnte sich sehr in ein Thema reinsteigern und wenn ihr auch persönlich etwas daran lag, dann konnten ihre Aussagen manchmal schon ein klein wenig unwissenschaftlich werden. Aber etwas Emotion hatte noch keiner Diskussion geschadet.
„Aber nun will ich dir noch schnell den Begriff des „Wreaders“ erklären, den ich so achtlos in den Raum gestellt habe.“ Sie lächelte Emilia entschuldigend zu. „Es tut mir leid, ich ging davon aus, dass sich jeder ein Bild davon machen kann, was damit gemeint ist. Das war sehr unaufmerksam von mir.“
Mit dem Zeigefinger schob sie sich ihr kinnlanges Haar hinter das Ohr und holte tief Luft.
Wreading ist ein Kunstwort, das sich aus „Reading“ und „Writing“ zusammensetzt und es bezeichnet die Vermischung von Autor und Leser durch die Entstehung des Hypertextes.
Durch den interaktiven Charakter des Hypertextes kann jeder Internetuser den gelesenen Text verändern und mitgestalten. Dadurch wird er von einem passiven Leser zu einem Autor. Selbstverständlich bleibt er jedoch weiterhin auch Leser. Er ist also Autor und Leser zugleich und dies versucht man durch den Begriff „Wreader“ auszudrücken. Denke nur an die verschiedenen Formen des kollaborativen Schreibens die wir im Internet finden: Wikis, Rollenspiele...
Man muss jedoch nichts schreiben um zu einem „Wreader“ zu werden. Viele Hypertexte sind nicht linear strukturiert und der Leser muss entscheiden welche Textteile er liest und in welcher Reihenfolge. Auch dieser Auswahlvorgang macht ihn zu einem Wreader, denn dadurch gestaltet er den Text maßgeblich mit.
Ich hoffe, dass dir der Begriff durch meine Erklärung etwas klarer geworden ist. Wenn nicht, stell ruhig alle deine Fragen. Das gilt natürlich auch für die anderen!“
Sie lächelte auffordernd in die Runde und fügte hinzu: „Ich muss gestehen, dass mir der Begriff auch noch ein wenig fremd ist. Allerdings sagt mir das Konzept sehr zu. Ich finde, es beschreibt sehr gut die Phänomene mit denen wir uns bei der Beschäftigung mit Literatur und auch Literaturwissenschaft im Internet auseinander setzen müssen.“





Bei der Erklärung des "Wreaders" habe ich mich auf diesen Beitraggestützt. Den zitierten Artikel habe ich im Internet leider nicht gefunden.
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7

Sunday, August 1st 2010, 12:35pm

Ja, genau so kennt man Odette, sie ist ein sehr direkter Mensch und wenn sie erstmal eine Meinung hat, dann steht sie dazu und lässt sich wohl nicht so schnell vom Gegenteil überzeugen. Genau das findet Emilia so toll an Odette, sie bringt einfach gewisse Dinge auf den Punkt ohne lange kompliziert auszuholen.
Emilia dachte über Odette`s Worte intensiv nach und musst ihr bei einigen Argumenten zustimmen.
"Du hast natürlich sehr recht was den Punkt Qualität betrifft. Auch ich habe schon einige Romane gelesen von denen ich sehr enttäuscht war. Diesen Punkt hätte ich übrigens vorher doch anbringen sollen. Aber ich habe ja auch erwähnt, dass ich PERSÖNLICH damit ein Problem habe, jemanden als Autor zu bezeichnen, der nur einige Zeilen verfasst hat, ohne sich dabei intensiver mit Literatur oder ähnlichem zu beschäftigen. Ich möchte deshalb auch nicht den Begriff "Autor" neu für mich definieren, denn mit der Definition welche ich anfangs gegeben habe, bin ich grundsätzlich schon einverstanden. Qualitätsmerkmale für den Begriff des Autors zu finden ist natürlich eine guter Vorschlag, aber ich denke auch nicht die "Lösung". Oder was meint ihr?"
Fragend schaute Emilia in die Runde, wartete jedoch keine Antwort ab sondern sprach weiter:" Ich möchte grad nocheinmal festhalten, dass ich persönlich damit ein Problem habe, den Titel des Autors an manche Personen zu vergeben."
Mit diesen Worten war für Emilia zumindest erstmals Schluss, denn irgendwie fühlte sie sich momentan nicht mehr so wohl. Emilia spielte wieder mit ihren Haaren und schaute neugierig in die Runde. Welche Reaktionen würden wohl folgen??
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Sunday, August 29th 2010, 10:55am

Wie immer war Viktor zu spät. Agnes, Odettes Küchenhilfe, hatte ihn hereingelassen und ihm stumm den Weg zum Wohnzimmer gezeigt, wo sich schon einige von Odettes Freunden zusammen gefunden hatten, um gemeinsam die neusten Entwicklungen auf dem Gebiet der Literatur zu besprechen. Früher hatte sich Viktor immer überlegt, welche Entschuldigung er für sein Zuspätkommen geben könnte. Mit den Jahren hatte er so ein ansehnliches Repertoire an zum Teil sehr kuriosen Ausreden zusammen getragen.
Aber mit den Jahren war er selbstbewusster geworden und war mit seinen 53 Jahren nun so überzeugt von sich selbst, dass er es nicht länger für nötig hielt sich entschuldigen zu müssen. Seine Unpünktlichkeit war ein Teil seiner Persönlichkeit und seine Freunde mussten ihn so akzeptieren wie er war.
Als er leise die Tür zum Wohnzimmer öffnete hörte er gerade Emilia sprechen. Leise umrundete er den Tisch und setzte sich auf einen freien Stuhl, in der Hoffnung seine Kollegin dabei nicht zu stören.
Viktor war nicht zögerlich und wollte sofort in die Diskussion einsteigen. Dabei störte es ihn nicht im Geringsten, dass er die Argumente der anderen Sprecher nicht gehört hatte und somit vielleicht Thesen wiederholte die schon gehört worden waren. Viktor kannte Odette und wusste wie sehr sie sich für neue Medien und vor allem für Literatur im Internet interessierte. Daher ergriff er sofort die Gelegenheit an Emilia anzuknüpfen, deren Ansichten sich mit den seinen zu decken schienen.
Ohne seine Zeit mit einer einleitenden Begrüßung zu verschwenden begann er sofort mit seinen Gedanken.
„Ich möchte Emilia zustimmen und begrüße ihr Zögern jedem schriftlichen Text den Begriff „Literatur“ und jedem Verfasser eines solchen Textes den Begriff „Autor“ zuzuordnen.
Meine liebe Odette, ich weiß, dass dir meine Meinung nicht gefallen wird...“ Er lächelte ein wenig süffisant, aber nur weil er wusste sich diese kleine Stichelei bei Odette erlauben zu dürfen.
„Ich bin der Überzeugung, dass die Massenmedien unserer Gesellschaft mehr schaden als nutzen. Was hat uns das Internet denn gebracht, außer einer Flut an unnützen Information und geistigem Müll? Wenn ich mich mit dem Internet beschäftige, bin ich die meiste Zeit damit beschäftigt Werbung wegzuklicken und sinnleere Seiten zu durchforsten um unter all den unnützen Material vielleicht doch etwas Brauchbares zu finden.
Wenn ich all diese Rollenspiele, Blogs und was weiß ich noch alles sehe, dann denke ich wirklich, dass der Begriff Literatur sinnentleert wird, wenn wir auch das als Literatur bezeichnen.
Wie sollen wir denn einen Roman von Thomas Mann bezeichnen, um ihn von der Masse des Geschriebenen abzuheben, wenn nicht als Literatur? Ich habe Literatur immer als eine Kunstform verstanden, wie Malerei oder Bildhauerei. Aber sogar der Begriff Kunst wird plötzlich willkürlich für alles verwendet.
Letztens habe ich sogar eine Seite im Internet gefunden, auf der jemand behauptet eine neue Kunstform geschaffen zu haben: Googl-oetry. Gedichte, die aus Begriffen, die in eine Suchmaschine eingetippt wurden, zusammengesetzt werden. So etwas Lächerliches! Was den Menschen heutzutage einfällt. Es werden ja auch Kunstwerke verkauft, die von Tieren gemalt werden.
Diese Bilder können ja schön sein und auch die Gedichte sind vielleicht eine Lektüre wert, aber Kunst ist das meiner Meinung nach nicht und auch keine Literatur.
Es gibt bestimmt mehrere unter uns die bereit sind manchen Texten im Internet den Begriff Literatur zuzuschreiben. Nun würde mich interessieren, wie weit ihr damit geht. Braucht es einen menschlichen Verfasser um Literatur hervorzubringen, oder ist für euch auch ein computergeneriertes Gedicht von PoetronKunst?"
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9

Sunday, September 5th 2010, 12:10pm

Odette war durch Viktors späte Ankunft nicht gerade erfreut und zog leicht verärgert eine Augenbraue nach oben, als er sich ohne zu Zögern in die Diskussion einbrachte, obwohl er ja gar nicht wissen konnten, was sie gerade gesprochen hatten. Aber wie immer bewies er ein besonderes Gespür für die aktuelle Situation und traf genau den richtigen Punkt. Odette schätzte Viktor sehr, obwohl sie nicht immer einer Meinung mit ihm war. Sie mochte es, dass er seine Thesen ebenso entschieden vortrug wie sie selbst. Er unterstützte mit seinen Aussagen Emilias Argumentation und mit einem Mal konnte Odette auch erkennen wie Recht die beiden mit ihrem Zögern hatten.
„Ich sehe ein, dass der Begriff „Literatur“ sehr schwammig wird, wenn wir ihn blind auf jeden Text den wir Internet finden anwenden“, begann sie zögerlich und überlegte noch einmal wie sie ihre Gedanken in klar strukturierte Sätze verpacken könnte. „Aber andererseits gefällt es mir auch nicht, dass das Geschriebene im Internet abgewertet wird, wenn es nicht als ernstzunehmende Literatur bezeichnet werden kann.
In meinen Augen ist es unsinnig einen Roman von Thomas Mann – um dein Beispiel aufzugreifen, Viktor – mit einem kollaborativen Schreibprojekt zu vergleichen, weil es zwei völlig unterschiedliche Medien sind.
Der Roman ist, überspitzt gesagt, für die Ewigkeit, während kreative Texte meist nur für den Moment interessant sind. Ich möchte in diesem Zusammenhang kurz einen Herrn H. Abbot zitieren...“
Hektisch begann Odette in ihren Unterlagen nach dem entsprechenden Aufsatz zu kramen. Dann zog sie ihn auch schon aus dem Stapel und stellte missbilligend fest, dass ihre Teetasse darauf einen braunen Kreis hinterlassen hatte. Sie musste wirklich lernen, etwas sorgfältiger mit ihren Unterlagen umzugehen.
„Hier ist er ja!“, sagte sie und räusperte sich kurz. „Ich zitiere aus einem Essay von Angela Thomas: ‚Abbott argues that role-playing games are not in fact narrative, because their form is „like life itself“ [...] He claims that life, theatre improvisation and role-playing games are all alike in this respect. [...] They exist in the moment, rather than in true narrative form, as a representation to convey story.’
Odette legte den Aufsatz zur Seite und schaute wieder in die Runde. „Mit diesem Zitat wollte ich darauf aufmerksam machen, dass es vielleicht kontraproduktiv ist, gedruckte Literatur mit Literatur im Internet zu vergleichen. Ein vollständiger Roman wird nicht zur Internet-Literatur, wenn ich in im Internet lesen kann. Sonst wäre ja auch Charles Dickens ein Internet-Autor, weil ich seine Bücher online lesen kann.
Ich denke wirklich, dass Zeit im Bezug auf Literatur im Internet eine sehr wichtige Rolle spielt. Wer liest schon Blog- oder Twitterbeiträge die zwei Jahre oder noch älter sind? Wer liest Rollenspielbeiträge, die nichts mehr mit der aktuellen Szene zu tun haben, oder deren Autor schon gar nicht mehr aktiv ist?
Das Geschriebene ist immer nur für den Moment interessant und darin liegt der große Unterschied zur gedruckten Literatur. Ein auf Papier gedrucktes Rollenspiel würde überhaupt keinen Sinn machen, bzw. wäre es durch die vielen verschiedenen Szenen in denen sich der Autor mit seinem Charakter einbringen kann, gar nicht möglich eine sinnvolle lineare Anordnung zu finden.“
Odette beendete ihre Ausführungen und lehnte sich zurück, dabei hatte sie ein bisschen ein schlechtes Gewissen, da sie ihre Kollegen doch sehr weit in eine bestimmte Richtung geführt hatte. Noch dazu hatte sie Viktors Frage über Poetron überhaupt nicht beantwortet. Aber dieses Versäumnis wollte sie doch noch schnell nachholen, bevor sie endgültig das Wort an jemand anderen übergab.
„Was diese computergenerierten Gedichte betrifft, so muss ich dir zustimmen Viktor. Auch ich kann damit nicht besonders viel anfangen und als Internet-Literatur würde ich es jetzt auch nicht bezeichnen. Ich kann mich mit der Vorstellung, dass aus Programmierkenntnissen und Zufall Literatur wird, nicht anfreunden.“





Quelle: Angela Thomas: "Blurring and Breaking through the Boundaries of Narrative, Literacy, and Identity in Adolescent Fan Fiction"
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10

Tuesday, September 14th 2010, 12:27pm

Viktor lehnte sich zurück, verschränkte seine Arme vor dem Bauch und nickte gelegentlich, was in seinem Fall jedoch nicht zwingend Zustimmung zu bedeuten hatte, sondern vielmehr Zeichen dafür war, dass er ihren Gedankengängen folgen konnte.
„Dein Enthusiasmus in allen Ehren Odette, aber ich denke du willst in diesen Rollenspielen mehr sehen, als überhaupt vorhanden ist. Auch ich habe den von dir zitierten Artikel gelesen und habe das Gefühl Rollenspiele sind nur Spielereien von Jugendlichen, denen die reale Welt zu langweilig ist. Ich denke dabei geht es hauptsächlich darum unerreichbare Träume auszuleben. Man schaue sich dabei nur die Themenwahl in diesen Rollenspiele an: Ein Mädchen würde gerne in New York leben und erschafft sich einen Charakter in einem New York-Rollenspiel. Ein anderes ist ein Fan von Brad Pitt und erschafft sich einen Angelina Jolie Charakter in einem Hollywood-Rollenspiel. Durch die Wahl eines Avatars, eines Bildes das das Aussehen des Charakters darstellen soll, ist es ohnehin für jeden möglich hinter dem hübschen Gesicht eines Stars zu verstecken. Bei meiner Recherche hatte ich mehr das Gefühl das Rollenspiel mehr Kompensation als Kunst ist.“

Viktor war kompromisslos wenn er seine Meinung kundtat. Er stand dem Internet mit großer Skepsis gegenüber, denn er konnte sich nicht vorstellen, wie es zu einer Verbesserung seiner Lebensumstände, oder irgendetwas anderem, beitragen könnte. Für ihn war es eine vergeudete Zeit im Internet zu surfen, weil ihn die – seiner Meinung nach – belanglosen schriftstellerischen Ergüsse, die er dort lesen konnte, ohnehin nicht interessierten. Er konnte auch nicht wirklich verstehen, warum Odette davon so begeistert war. Diese Jugendlichen sollten sich besser ein anständiges Hobby suchen und nicht vor dem Computer herumsitzen. Zu seiner Zeit hatte das schließlich auch gut geklappt.
„Noch dazu erfinden diese Kinder ja oft nicht einmal ihre eigenen Geschichten, sondern übernehmen Ideen anderer Autoren, ohne sich dessen zu schämen. Bei meiner Recherche bin ich auf eine große Zahl von Foren gestoßen, auf denen die Harry Potter Bücher von J.K. Rowling umgeschrieben wurden, oder Fernsehserien als Grundlage genommen wurden. Ich kann keine Kunst darin sehen, wenn jemand aus einer banalen US-amerikanischen Teenie-Serie ein noch banaleres Rollenspiel macht. Der Schreibstil ist meist schlecht, der Wortschatz der Autoren gering und weder der Charakter noch die Handlung wurde von ihnen selbst erdacht. Und für so jemanden kämpfst du um sein Recht „Autor“ genannt zu werden?“
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11

Friday, September 24th 2010, 12:05pm

Am liebsten hätte Odette laut aufgeseufzt. Sie kannte niemanden der dem Internet so ablehnend gegenüber stand wie Viktor. Abgesehen vielleicht von ihrem Großvater, der im Gegenteil zu Viktor jedoch nicht einmal wusste wie man einen Computer einschaltete.
„Es tut mir leid Viktor, aber ich kann nicht ganz nachvollziehen warum du an Internetliteratur solche Maßstäbe ansetzen willst. Viele weltbekannte Romane sind auch nicht mehr als die Aufarbeitung der persönlichen Lebensgeschichte des Autors. Man denke doch nur an Kafka! Warum ist es also so schlimm wenn junge Menschen ihre Erfahrungen in ein Rollenspiel einbauen? Ich will ja auch gar nicht behaupten, jedes Rollenspiel wäre es wert gelesen zu werden bzw. als ein Stück Literatur bezeichnet zu werden. Man soll es nur nicht kategorisch ausschließen, sondern es auch wissenschaftlich betrachten. Ich denke ohnehin, dass dem Internet viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Kein Wunder also, dass es so viele Vorurteile gibt. Es gibt überhaupt keine wissenschaftliche Untersuchung zu Rollenspielen und daher auch keine Statistiken. Deine Behauptung, die meisten Rollenspiel-Autoren wären Jugendliche die nichts mit ihrer freien Zeit anzufangen wissen, ist demnach völlig aus der Luft gegriffen. Nach meiner Erfahrung gibt es sowohl sehr junge Rollenspieler, als auch Rollenspieler jenseits der 40. Die meisten werden aber doch zwischen 15 und 30 sein. Aber das liegt wohl auch daran, dass das Internet noch ein junges Medium ist. Rollenspiele gibt es auch erst seit ein paar Jahren und ich kann mir nicht denken, dass jeder der Spaß daran hat an seinem 25. Geburtstag denkt ‚Jetzt bin ich zu alt dafür, ich muss sofort aufhören, weil es Kinderkram ist.’ Es kommt ja auch auf das Genre an. Erwachsene Männer werden sich kaum in einem Harry Potter Rollenspiel anmelden, aber ein historisches Rollenspiel finden sie vielleicht schon wieder interessant! Bei diesen Foren geben sich die Autoren große Mühe um historische Genauigkeit.
Und in dem, was du als ‚Abschreiben’ und Fehlen eigener Ideen interpretierst, sehe ich die Vermischung von fremden und eigenen Ideen und damit auch den großen Reiz von Fanfictions und kollaborativen Schreibprojekten. Durch die Beteiligung von mehreren Autoren an einer Szene entsteht etwas viel Komplexeres als der Text eines einzelnen Autors. Ich denke, du kannst dir keine Vorstellung davon machen, wie schwer es oft ist die Gedanken eines anderen Autors in den eigenen Beitrag einzubauen. Es ist schließlich unmöglich über eine Szene zu bestimmen. Der Ausgang ist immer unvorhersehbar, weil man ja nicht weiß, was der andere daraus machen will.“
Odette war ein wenig enttäuscht, dass Viktor keinen Schritt auf sie zugehen wollte. Wenn er so wenig von Internet-Literatur hielt, warum war er dann überhaupt gekommen? Sie wünschte sich, ihre anderen Kollegen würden ihr gelegentlich ein wenig Schützenhilfe leisten. Offensichtlich waren diese jedoch so von ihrer Diskussion mit Viktor in den Bann gezogen, dass sie vergaßen sich selbst daran zu beteiligen. Aufgeben wollte Odette jedoch nicht. Bald würde ohnehin die Mittagspause kommen und dann würde sie ein wenig verschnaufen können.
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tebofe9260

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Monday, November 8th 2021, 7:59am

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